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Interview Angelo Vicario

Interviews -
28 Juli 2008


Interview Angelo Vicario
 
Mein Gespräch mit Herrn Vicario fängt ganz selbstverständlich mit der Frage an, weshalb ein Consultingbüro entstanden ist und wozu es dient?

Herr Vicario ist Soziologe und Psychotherapeut. Mit seinem Titel war es praktisch zu erwarten, dass er eine Praxis eröffnen und als Psychotherapeut arbeiten würde. Es kam aber alles anders, als die Stadt Lausanne im Jahr 1995 mehrere Personen aufforderte, über Mobbing, Belästigung und schlechte Beziehungen am Arbeitsplatz zu sprechen. Angelo Vicario hat sich danach auf Konfliktvorbeugung und Gesundheit im Unternehmen spezialisiert und für die Stadt Lausanne die erste Schlichtungsstelle der Schweiz gegründet. Seither hat sich seine Praxis zu einem Unternehmen mit ca. 20 Beratern verschiedener Horizonte in Lausanne, Bern und Lugano entwickelt. Vicario Consulting AG bietet Erfahrungen im Bereich Entwicklungspotenzial und Nachfolgevorbereitung, Begleitung bei Organisationswechsel und Management des Arbeitsklimas und der Gesundheit.

 
Sie erstellen auch Laufbahnbilanzen. Wozu dienen diese ? Man darf Schritte im Hinblick auf eine berufliche Orientierung - die zeigen, in welchem Bereich die Person ihr Potenzial am besten entwickeln könnte - nicht mit einer tiefgründigeren und wissenschaftlichen Laufbahnbilanz verwechseln, welche die Grundlagen einer beruflich bereits aktiven Person verstärkt.

Die Laufbahnbilanz dient der Entwicklung der menschlichen Aspekte sowie der Sicherheit. Eine solche Bilanz hat zwar seinen Preis für das Unternehmen (CHF 5000), aber der Gewinn ist die Investition in den meisten Fällen wert: bisher wurde nicht in Betracht gezogen, dass ein Mitarbeiter, dem es an seinem Arbeitsplatz gefällt, besser gelaunt ist, besser arbeitet und das Unternehmen vorantreibt. Wenn sich ein Angestellter (meist im höheren Unternehmensbereich) in einer Krise befindet, kann ihm die Laufbahnbilanz die Hilfestellung bieten, die ihm fehlte, um sich wieder zu finden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Vicario Consulting, die sich um solche Prozesse kümmern, sind entweder Psychotherapeuten, Arbeitspsychologen oder Psychologen in Berufsberatung. Dies verleiht dem Ganzen gegenüber der betroffenen Person eine noch professionellere Dimension. Im Rahmen einer Bilanz gehen wir vertieft auf alles ein, was mit dem bisherigen Lebensverlauf, der Persönlichkeit, den Werten zu tun hat, aber auch auf den Grund gewisser Entscheidungen.

 
Meine dritte Frage bezieht sich auf den Nutzen der Ausbildung. Weshalb sollten Unternehmen ihren Angestellten Aus- und Weiterbildungen bezahlen?

Bildung bereichert den Menschen, ist aber auch immer mehr im Unternehmen unabdingbar. Die Gesellschaft sollte es einem erlauben, 20-30 Jahre im gleichen Unternehmen zu bleiben. Heutzutage geht alles so schnell, dass man sich ständig über Neuheiten informieren muss; das Unternehmen hat im Übrigen auch eine gewisse Verantwortung, in die "Einstellbarkeit" ihrer Mitarbeiter zu investieren. Mit den Möglichkeiten, die der heutige Markt bietet, stellt eine Ausbildung ein zusätzliches Argument für Verhandlungen mit dem aktuellen oder zukünftigen Arbeitgeber dar. Man muss jedoch sagen, dass Weiterbildung in gewissen Fällen unerlässlich ist. Zum Beispiel, "...eine äusserst fähige Sekretärin, die fehlerfrei und schnell redigiert sollte sich hinterfragen. Es gibt heute Software, die es einem erlaubt, direkt zu schreiben, was diktiert wird. Wenn die fragliche Sekretärin sich nicht für diese Software interessiert, kann es leider sein, dass sie ihre Stelle riskiert." Dieser Fall ist nicht sehr erbauend! Aber diese Situation ist nur vorübergehend... glauben Sie dem Fachmann! Die Ausbildung hat zwar ihre Wichtigkeit; denn heute wählen die Unternehmen die Kandidaten aus; aber in 10 Jahren wird es umgekehrt sein, besonders in gewissen Bereichen. Dort werden die Bewerber aufgrund ihrer Bildung und Erfahrung ihr Unternehmen auswählen können. Dies erscheint momentan unrealistisch, aber man kann feststellen, dass "gewisse Bereiche wie Uhrenfabriken, Feinmechanik und Informatik schon jetzt mit diesem Problem konfrontiert sind. Für das Unternehmen ist es wichtig, seinen Angestellten eine Aus- oder Weiterbildung anzubieten, denn es muss auch den menschlichen Aspekt pflegen, um nicht mittelfristig die Mitarbeiter zu verlieren. Wenn das Unternehmen nicht den Erwartungen und Bedingungen des Arbeitnehmers entspricht, wird dieser in einiger Zeit zu einem anderen Unternehmen überwechseln."

 
Meine letzte Frage betrifft das Bewerbungsschreiben und dessen Wichtigkeit.

Für Herrn Vicario sind die Bewerbungsschreiben vorderhand wichtiger als der Lebenslauf: "Als wir neulich eine Stelle ausgeschrieben haben, erhielten wir 150 Briefe; von diesen 150 Briefen haben nur zehn meine Aufmerksamkeit geweckt, denn sie bezogen sich wirklich auf das Unternehmen, für das die Personen sich bewerben wollten." Das Bewerbungsschreiben muss also gepflegt daher kommen, wenn man die Stelle wirklich will. Man muss das Unternehmen kennen, wissen was es anbietet, wo es sitzt. Es ist besser, acht gezielte und gepflegte Bewerbungen zu verschicken als 15 informelle Briefe hinzuschludern. Der Lebenslauf hat zwar auch seine Wichtigkeit, aber er ist nicht immer entscheidend, besonders was die Titel betrifft. Es ist wichtig, Hobbies und Interessen hinzuzufügen. Für gewisse Stellen sind die "soft skills" von grosser Wichtigkeit. Die soft skills sind Fähigkeiten einer Person neben Diplomen und Zeugnissen. Vergessen Sie nicht, im Lebenslauf keine Jahre unbegründet auszulassen. Leerräume sind unpassend... für Herrn Vicario: "Auch wenn man einen Universitätstitel besitzt ist es keine Schande zu erwähnen, dass man eine Zeitlang AEpfel sortiert oder als Kassier gearbeitet hat: jede Erfahrung ist eine Lehre!" Vergessen Sie das nie!

 

Raphael Sola

Traduction : Cécile Jacq

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